Lernen in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen

- Ergänzung zum Schulkonzept -

A. GESETZESLAGE IN SACHSEN

Im Schulgesetz des Freistaates Sachsen heißt es im §5(2):

In der Regel findet der Unterricht getrennt nach Klassenstufen statt. Jahrgangsübergreifender Unterricht ist nur zulässig, wenn ein entsprechendes pädagogisches Konzept und entsprechend qualifiziertes Personal vorhanden ist.

Am 1. August 2004 trat in Sachsen ein neuer Lehrplan für die staatlichen Grundschulen in Kraft. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf der Entwicklung von Sozial- und Lernkompetenzen und in Zusammenhang damit auf einem differenzierten Unterricht, der die individuellen Lernvoraussetzungen und -fortschritte in besonderem Maße berücksichtigt.

Auszüge:

Die Gestaltung der Schuleingangsphase erfolgt auf der Grundlage eines schuleigenen Konzepts, das den individuellen Lernausgangslagen und Entwicklungsbesonderheiten der Kinder Rechnung trägt. Im Interesse eines flexiblen Arbeitens in dieser Phase sind in den Lehrplänen die Lernziele und -inhalte für die Klassenstufen 1 und 2 zusammengefasst.
[...]
Die Schüler ... entwickeln die Fähigkeit, voneinander und miteinander zu lernen.
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Das breite Leistungsspektrum bedingt einen differenzierenden und individualisierenden Unterricht. Im Vordergrund steht dabei die innere Differenzierung, die den individuellen Lernvoraussetzungen und Leistungsständen sowie den unterschiedlichen Zugangsweisen zum Lernstoff und dem unterschiedlichen Lerntempo gerecht wird.
[...]
Bei der Leistungsbeurteilung werden unterschiedliche Lernvoraussetzungen und individuelle Lernfortschritte berücksichtigt. Von besonderer Bedeutung ist eine ermutigende Leistungsbeurteilung.
[...]
Neben der Differenzierung im Klassenverband bietet der Förderunterricht eine weitere Möglichkeit, Entwicklungsdefizite abzubauen sowie besondere Begabungen und Interessen zu fördern. Dabei können unterstützendes Lernen wie auch vorbereitendes und weiterführendes Lernen ermöglicht werden.
[...]
Ziel der Entwicklung von Lernkompetenz ist es, dass Schüler ihre eigenen Lernvoraussetzungen realistisch einschätzen können und in der Lage sind, individuell geeignete Techniken situationsgerecht zu nutzen.

Zudem hat das Land Sachsen hat einen Beschluss erlassen, dass möglichst alle Kinder mit dem Erreichen des 6. Lebensjahr bis zum 30.6. eingeschult werden; Zurückstellungen und Vorbereitungsklassen sollen wegfallen. Um die unterschiedlichen Vorraussetzungen zu kompensieren, wurde für die Schule eine "optimierte Schuleingangsphase" zur Pflicht gemacht. Die Schulen sind angehalten, ein Konzept für die Gestaltung der Schuleingangsphase zu entwickeln und dabei mit den kommunalen Kindergärten in Kontakt zu stehen und zu eruieren, mit welchen Vorleistungen Kinder zur Schule kommen. In diesem Rahmen wurden zwei weitere Förderstunden für Klasse 1 genehmigt.

Den Schulanfängern stehen jetzt zwei Jahre zur Verfügung, um eine Mindestleistung zu erreichen. Ein "Sitzenbleiben" nach Klasse 1 gibt es nicht mehr, nur die freiwillige Wiederholung auf Wunsch der Eltern. Formen des offenen Unterrichts wie Werkstattangebote, Tages- und Wochenpläne oder Arbeit in Lerngruppen wird gegenüber dem Frontalunterricht größerer Stellenwert eingeräumt (s. hierzu auch die vom SSMK 2004 herausgegebene Broschüre "Schuleingangsphase" für die Hand der Eltern).

B. PÄDAGOGISCHE ÜBERLEGUNGEN ZUR UMSETZUNG

Um den oben genannten Ansprüchen gerecht zu werden und die gegebenen gesetzlichen Freiräume nutzen zu können, ist eine Weiterentwicklung unseres Schulkonzeptes notwendig.

Die oben und in unserer Konzeption aufgeführten Bildungs- und Erziehungsziele können nur durch eine Ausweitung des jahrgangsübergreifenden Unterrichts optimal erreicht werden. Denn nur wenn die Jahrgangstrennung der Klassen aufgebrochen wird, ist ein hochgradig differenzierendes Arbeiten möglich, um die 4 und mehr Entwicklungsjahre umfassenden Unterschiede der Schulanfänger aufzufangen. Nur Unterricht in einer jahrgangsübergreifenden Lerngruppe kann auf die individuellen Stärken und Schwächen der Kinder umfassend eingehen und ihnen wirklich die Zeit geben, die sie brauchen. Sie sollen sich Zeit lassen können, wenn sie sich noch nicht sicher fühlen und sollen vorwärts stürmen dürfen, wenn ihre Wissbegierde sie dazu treibt. Auch ihr eigenes Vermögen bzw. Unvermögen kennen zu lernen hilft den Kindern in ihrer Entwicklung. Für all dies ist das Vorbild (und auch das Arbeitsmaterial) älterer und jüngerer Schüler sehr ermutigend und anspornend. Gleichzeitig nimmt das Lernen voneinander und das soziale Lernen in einer jahrgangsübergreifenden Gruppe einen besonderen Stellenwert ein.

Zur Organisation jahrgangsübergreifenden Unterrichts gibt es in der Geschichte der Pädagogik viele Beispiele mit verschiedenen Ausgangslagen und Erziehungszielen (z.B. Dorf-/Zwergschulen, Jenaplanschulen, Montessorischulen, ...). Allen gemeinsam ist die Vorstellung, dass Kinder voneinander sehr viel lernen können und gleichzeitig ein individuelles Lerntempo in verschiedenen Unterrichtsbereichen besser aufgefangen werden kann.

Jahrgangsübergreifender Unterricht, wie wir ihn anstreben, ermöglicht ein optimales Eingehen auf die Stärken und Schwächen des Kindes, auf sein Entwicklungs- und Lerntempo bei gleichzeitiger Sicherheit in einer stabilen Lernumgebung (Lerngruppe, Lehrer, Unterrichtsstrukturen, Material, Klassenraum, ...). Die Kinder erfahren sich in wechselnden sozialen Positionen; Erfahrungen als "Große" und "Kleine" können gemacht werden, was ggf. als Einzelkind in der Familie nicht gegeben ist.

Maria Montessori spricht von "intellektuelle Wanderungen", bei denen die Kinder Vertrautes wieder genießen, Altes auffrischen, sich an Schwerem erproben können und so vorausgreifendes und zurückgreifendes Lernen möglich wird.

In besonderer Weise gefördert werden:

  • das Rücksichtnehmen und Wahrnehmen von Situationen, in denen Hilfsbereitschaft erforderlich ist
  • die Toleranz im Umgang mit Mitschülern und deren Stärken und Schwächen
  • ein realistisches Einschätzen der eigenen Stärken und Schwächen bei gleichzeitiger Anspornung durch Vergleiche mit Mitschülern gleicher und verschiedener Altersstufe
  • das Wahrnehmen der eigenen Leistungsfortschritte auch bei langsamer lernenden Kindern (insbesondere im Vergleich zu den Jüngeren)
  • das selbstständige und eigenverantwortliche Handeln und Lernen
  • das Lernen voneinander, durch und beim "kindgemäßen" Erklären
  • die Fähigkeit, eigene Talente und Grenzen zu erkennen
  • die Vorbildfunktion der älteren Schüler
  • die schnelle Eingewöhnung der Schulanfänger in das Lernen und Leben an der Schule
  • Schulung des Langzeitgedächtnisses durch Wiederholung und Anknüpfung an Vorwissen (spiralförmiges Wiederkehren der Themen mit unterschiedlich anspruchsvollen Aufgaben)

Auch der Integration von Kindern mit besonderen Schwierigkeiten wird diese Form des Unterrichts aus o.a. Gründen in hohem Maße gerecht.

Ein Wiederholen oder Überspringen der Klassenstufe bringt nicht mehr einen Wechsel der sozialen Bezugspersonen mit sich; das Kind bleibt in vertrauter Umgebung, ohne auf stetige individuelle Anpassung der Aufgaben an seinen Leistungsstand verzichten zu müssen. Insbesondere können Stärken bzw. Schwächen in nur einem Fachbereich berücksichtigt werden.

C. ANGESTREBTE SCHULSTRUKTUR

Eingangsstufen, in denen nur die ersten zwei Jahrgänge gemeinsam lernen, haben den Nachteil, dass schnell lernende Kinder bereits nach einem Jahr ihr gewohntes Lernumfeld mit Lerngruppe und Lehrerin wechseln müssten. Andererseits ist es bei vier Jahrgängen umfassenden Lerngruppen schwierig, den Bedürfnissen der Viertklässler im Besonderen gerecht werden zu können. Dies lassen Erfahrungsberichte verschiedener Schulen (die z.T. die Jahrgangstrennung an einem Großteil des Schulvormittages wieder einführten) und auch eine Auseinandersetzung mit den Lehrplanthemen für die Klasse 4 erwarten.

Deshalb findet der jahrgangsübergreifende Unterricht bei uns in den Jahrgangsstufen 1-3 statt. In diesen Gruppen lernen die Kinder in der Regel 3 Jahre lang. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten und der Entwicklung ihres Lernstandes ist aber auch ein Verbleib von 2 oder 4 Jahren ohne Wechsel der Bezugsperson (Klassenlehrer) und der sozialen Einbindung (Lerngruppe) möglich.

Anschließend erfolgt der Übergang in eine der beiden Abgangsklassen ("Klasse 4") zur gezielten Vorbereitung auf weiterführende Schulen. Diese Abgangsklassen haben ebenfalls eine Gruppengröße von 21-24 Kindern und werden von Lehrern geleitet, die besondere Fertigkeiten und Erfahrungen mit den Anforderungen der weiterführenden Schulen und der Erstellung von Bildungsempfehlungen entwickeln. Durch Einholen von Rückmeldungen bauen sie Kontakte zu den aufnehmenden Dresdner Schulen auf und können Eltern bei der Wahl der passenden Schule für ihr Kind optimal beraten.

In der Abgangsklasse lernen Kinder, die ihr 4., 3. oder 5. Schuljahr an unserer Schule absolvieren; es wird also auch keine Jahrgangsklasse im herkömmlichen Sinn sein.

Es besteht die Möglichkeit, die Abgangsklasse ebenfalls zu wiederholen und den Verbleib an der Grundschule ohne den Wechsel in eine völlig neue Klassengemeinschaft auf bis zu 6 Jahre zu erstrecken.

Um Schülerzahlen wie an einer zweizügigen Grundschule zu erreichen, werden 6 Lerngruppen eingerichtet, die altersgemischt je ca. 7-8 Kinder dreier Jahrgänge ("Klasse 1-3") umfassen.

Die Gruppenstärke liegt zwischen 21 und 24 Kindern. Jede Gruppe wird von einem Lehrerteam bestehend aus Klassen- und Co-Klassenlehrer geleitet. In ca. 6-8 Wochenstunden unterrichten die Lehrkräfte in Doppelbesetzung. Fachunterricht sowie zusätzlicher Kursunterricht in getrennten Leistungsstufen wird von weiteren Lehrkräften erteilt.

(Autor: Leupolt, Wiebke)

 

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